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My Universe Blog » Entries by Jesco Freund

Vom Flusi zum X-Plane

Posted by Jesco Freund at March 18, 2012 10:51 p.m.

Zwanzig Jahre lang habe ich ein Softwareprodukt aus dem Hause Microsoft verwendet – und nein, es geht nicht um Windows, sondern um den Microsoft Flight Simulator. 2006 wurde die letzte Version („FSX“) veröffentlicht, die bei mir auch heute noch im Einsatz ist. Allerdings wäre jetzt nach 6 Jahren dringend mal ein Maintenance Release fällig gewesen – heutige Hardware bietet eine ganz andere Leistung als damals, und auch der Software-Unterbau (vulgo: Windows) hat sich deutlich weiterentwickelt.

Microsoft hat sich jedoch bereits 2009 entschlossen, die alte „Flusi“-Produktstrategie über Bord zu werfen. Seit kurzem ist das daraus erwachsene Nachfolgeprodukt namens Microsoft Flight verfügbar – eine herbe Enttäuschung für Flusi-Veteranen, die ihren Simulator mit Addon-Szenerien und zusätzlichen Flugzeugmodellen aufgewertet hatte. Der neue bricht wirklich komplett mit der bisherigen Produktphilosophie, ist klar as Computerspiel ausgelegt und bietet Simulator-Verkehrspiloten einfach keine neue Heimat.

Folglich war es an der Zeit, den Wechsel auf ein anderes Produkt ins Auge zu fassen. Groß ist die Auswahl ja nicht – neben dem FS gibt es eigentlich nur noch X-Plane als zivilen Flugsimulator. Praktischerweise ist der kürzlich in einem neuen Major Release erschienen; für den geplagten Flusi-Piloten der Beweis, dass das Produkt offenbar am Leben ist ;-). Kleines Bonbon: X-Plane läuft nicht nur unter Windows, sondern auch unter Mac und Linux. Ich habe es unter Windows 7 und Ubuntu 11.10 ausprobiert – es funktioniert tatsächlich recht reibungslos auch unter Linux. Allerdings bleibt bei mir die Leistung unter Linux hinter der unter Windows zurück (liegt vielleicht am Versionsstand des Grafikkartentreibers), und einige Plugins sind nur für Windows oder Mac verfügbar – so bleibt es für mich doch erst mal bei Windows als Simulator-Plattform. Die Beschaffung war nicht ganz einfach; mittlerweile hat Amazon Deutschland aber die aktuelle Version ebenfalls im Sortiment.

Brauchte man für die Installation des FSX schon eine Menge Geduld, kann man sich X-Plane ruhig ein paar Stunden einplanen: 8 DVDs wollen durchgewechselt werden und dabei über 60 GB auf die Platte pinseln (zumindest wenn man die vollständige Szenerie installiert). Das Resultat lohnt sich allerdings: Die grafische Landschaftsdarstellung schlägt die des FSX locker um zwei Generationen, was jedoch kaum verwunderlich ist. Augenfällig ist die akkurate Simulation von Höhenzügen; insbesondere bei Flügen in der Alpenregion kommt dies deutlich zur Geltung. Die Flughäfen sind ähnlich wie beim FSX recht gemischt – einige sind von Haus aus recht detailliert dargestellt und realitätsgetreu nachgebildet, andere sind eher durchwachsen (will heißen: die Runways sind da, wo sie sein sollten, aber der Rest…). Es gibt aber (wie für den Flusi auch) eine große Anzahl frei verfügbarer Szenerien, wie etwa für München FJS (EDDM). Richtig großartig ist die Darstellung der Flughafenbefeuerung gelungen: Flüge in der Dämmerung oder bei Dunkelheit lohnen sich damit so richtig – aber auch hell erleuchtete Städte inklusive beleuchteter Fahrzeuge auf den Straßen sind optisch ein Genuss.

Bei den mitgelieferten Luftfahrzeugen ist die Mischung etwas bunter, als man vom FSX her gewohnt war: neben ein- und zweimotorigen Kleinflugzeugen und zwei Airlinern (747-400 und 777-200) sind etliche Exoten mit von der Partie, darunter so illustre Exemplare wie die Atlantis, eine SR-71 „Blackbird“ oder das Raketen-Experimentalflugzeug North American X-15 – nur wieder leider kein Airbus. Lässt man die Exoten erst mal außen vor, gelingt der Umstieg vom FSX her erstaunlich leicht. Klar, die Tastaturbelegung ist erst mal ungewohnt (was sich aber problemlos ändern lässt), und die ATC-Implementierung ist auch etwas gewöhnungsbedürftig. Mit den Cockpits kommt man aber recht schnell klar, und nach kurzer Einarbeitung gelingen auch Flüge unter IFR-Bedingungen und ILS-Anflüge.

Hier noch ein paar Bilder, die heute „unterwegs“ entstanden sind:

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Eine Boeing 737-800 (Add-On von EADT) auf dem Vorfeld des Flughafens München Franz Josef Strauß (EDDM) (Add-On von Jürgen Schäble et al.). Auffällig sind die detailliert dargestellten Fluggastbrücken und Flutlichtmasten – die sehen tatsächlich genau so aus…

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Ein Airbus A380-861 (Add-On von Eole Creation) über Süddeutschland. Die Bodentexturen wirken sehr realistisch, und der Verlauf der größeren Straßen (wie etwa Autobahnen) entspricht der Realität – wie hier im Bild die A9 zwischen Ingolstadt und Nürnberg.

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Sichtanflug auf den Flughafen Innsbruck (LOWI) mit einem Cirrus Vision SF50 (in X-Plane noch als „TheJet“ bezeichnet). Hier kommen ausnahmsweise mal keine Add-Ons zum Einsatz, ein „Vanilla“-Snapshot sozusagen ;-)

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Verwertungsgesellschaft für's Internet

Posted by Jesco Freund at March 5, 2012 11:52 a.m.

Schwarz-Gelb setzt zu einem neuen Höhenflug der Genialität an: Um die Rechte von Urhebern im Internet zu stärken, sollen gewerbliche Anbieter wie Suchmaschinen künftig für die Verwendung von Presseerzeugnissen an deren Erstvermarkter löhnen. Der Kracher an der Geschichte ist, wie das umgesetzt werden soll: Die Regierung plant, hierfür eine Rechteverwertungsgesellschaft ins Leben zu rufen, die dann bei den Content-Zweitverwertern kassieren geht.

Für mich klingt das stark nach GEMA, oder zumindest einem ähnlichen Modell. Ich will ja nicht schwarzmalen, aber irgendwie habe ich kein gutes Gefühl bei der Sache. Zunächst einmal halte ich es für fragwürdig, ob überhaupt identifizierbar ist, in welcher Stufe der Verwertung bestimmter Content angeboten wird – eine Suchmaschine müsste also auch im Zweifel für von dritten recycleten Content einen Obulus abdrücken. Technisch ist es derzeit nicht machbar, die Stufe der Weiterverwertung festzustellen.

Sodann gibt es neben den technischen Bedenken auch noch einige, die sich an das Verfahren ansich richten: Was wird denn von dieser Verwertungsgesellschaft als Presseerzeugnis betrachtet? Wie kann ich als Betreiber einer privaten Website unterbinden, dass diese Inkassotruppe sozusagen in meinem Namen bei privat betriebenen Planeten abkassiert und damit deren Betrieb unmöglich macht – oder schlimmer noch, bei Google abkassieren geht; eventuell mit der Folge verbunden, dass Google schlicht meine Seite aus dem Index schmeißt, um dafür nicht mehr zahlen zu müssen. Denn welche Relevanz haben die paar Angebote aus Deutschland schon im weltweiten Kontext des gesamten Internet?

Das wäre dann Problem Nummer 3: Warum sollte eine Suchmaschine dafür zahlen, dass sie Content zugänglich macht? Hier haben offensichtlich die Internetausdrucker wieder mal zugeschlagen. Welches Interesse haben die Content-Anbieter denn, bei den großen Suchmaschinen nicht mehr gelistet zu werden? Wer bei Google nicht im Suchindex auftaucht, existiert faktisch für das Internet nicht. Man kann von dieser Machtposition halten was man will, aber derzeit ist es eben so.

Eines muss man Schwarz-Gelb aber lassen: Sie haben einen geschickten Zeitpunkt gewählt, um diese Katze aus dem Sack zu lassen. Neben der ganzen Empörung über die vermuteten Manipulationen bei den russischen Präsidentenwahlen ging diese Meldung fast unter – zumal die Mainstream-Medien sich bei der Berichterstattung auffällig zurückhalten. Fragt sich natürlich warum – ein Schelm, wer böses dabei denkt…

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Unity vs. Gnome 3

Posted by Jesco Freund at Jan. 14, 2012 1:05 p.m.

Seit der Umstellung meiner Workstation auf Ubuntu habe ich dort Unity als Desktop-Umgebung eingesetzt, während mein Notebook seit der Migration auf Fedora Linux mit Gnome 3 werkelt. In den vergangenen drei Monaten kam ich also in den „Genuss“, mit zwei verschiedenen Desktop-Umgebungen zu arbeiten – eine etwas unglückliche Konstellation, da Bedienkonzept, Tastenkombinationen und Mausgesten natürlich nicht identisch und somit gelegentliche „Fehlbedienungen“ vorprogrammiert sind. Höchste Zeit also, die beiden einmal einander gegenüber zu stellen.

An Gnome 3 hatte ich mich recht fix gewöhnt, die anderenorts so häufig geäußerte Kritik ist für mich weitgehend nicht nachvollziehbar. Gut, ich gehöre auch nicht zu den Leuten, die ihren Desktop erst mal drei Wochen lang frisieren, bevor sie damit arbeiten können, aber der Hauptgrund, aus dem Gnome 3 mir recht schnell ans Herz gewachsen ist, ist die angenehme Übersichtlichkeit, die der Desktop an fast allen Stellen mitbringt – sei es nun die in der Standardeinstellung leere Arbeitsfläche, die übersichtliche Arbeitsflächenauswahl oder die Darstellung aller offenen Fenster auf einen Blick; all dies kommt meiner Art zu arbeiten sehr entgegen.

Natürlich hat Gnome 3 auch noch einige Macken, die nicht verschwiegen werden sollen. Der Umständliche Weg, erst mit JavaScript-Dateien herumwurschteln zu müssen, um im Systemmenü die benötigten Einträge angezeigt zu bekommen, ist sicherlich schwer verbesserungsbedürftig. Auch einige der neuen Programme (wie etwa Empathy anstelle von Pidgin) sind für mich völlig unbrauchbar, was sich allerdings mittels Paketmanager in der Regel problemlos beheben lässt. Gerade im genannten Fall ist die Integration allerdings etwas fummelig, selbst mit der entsprechenden Extension funktioniert es nicht ganz reibungslos.

Unity hat seine Stärken vor allem in der guten Integration, die unter Ubuntu damit erreicht wird – damit hört es aber auch schon auf. Die größte Schwäche von Unity ist meiner Meinung und Erfahrung nach das Fehlen jeglicher Übersichtlichkeit, auch wenn die Unterschiede zu Gnome 3 auf den ersten Blick marginal erscheinen. Das Dock-Menü links ist der erste Stolperstein; möglicherweise sind es aber auch einfach Bugs, die verhindern, dass Programme zuverlässig hinzugefügt und entfernt werden können. Wirklich störend ist allerdings das unvorhersagbare Verhalten von Fenstern. Anwendungen starten ohne erkennbaren Grund mal maximiert, mal mit der zuletzt gewählten Fenstergröße und -position, und mal mit scheinbar zufällig gewähltem Fensterlayout.

Die Positionierungsfunktion ist auf einem Desktop-System mit großem Bildschirm ebenfalls eher störend, richtig ärgerlich ist aber die Tatsache, dass übereinander liegende Fenster nicht oder nur schlecht bzw. umständlich zugänglich sind. Eine Übersicht über geöffnete Applikationen fehlt völlig, und das Programm-Menü ist eine einzige Fehlkonstruktion, weil man sich immer erst mit drei Klicks zu den Applikationen durchhangeln muss (und die zuletzt gewählte Ansicht auch beim nächsten Öffnen nicht wieder hergestellt wird). Ein weiteres Ärgernis ist die Zentralisierung der Menüleiste aller Anwendungen am oberen Bildschrimrand – schön beim Mac geklaut, aber völlig sinnlos (und vor allem bremsend), wenn der Bildschirm (wie in meinem Fall) genügend Platz bietet.

Mein Fazit: Man kann mit Unity arbeiten, wenn man unbedingt muss. Ich selbst komme aber derzeit mit Gnome 3 am besten zurecht, weswegen Unity heute auch gegen selbiges ausgetauscht wurde. Übrigens: Unter Ubuntu ist Gnome 3 leider etwas verfrickelt, weil die Paket-Entwickler mal wieder nicht die Finger von den Defaults lassen konnten. So funktioniert etwa die lebenswichtige Alt + F2 Tastenkombination nicht, sondern muss erst in den Tastatureinstellungen aktiviert werden. Auch das Standard-Fensterlayout (Adwaita) wurde durch ein Unity-ähnliches Theme ersetzt, das mit Gnome 3 aber nicht so recht harmonieren mag (zumal dadurch die Buttons für Fenstermaximierung und -minimierung deaktiviert wurden, was sich nur mit dem Gnome Tweak Tool wieder reparieren lässt).

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FreeBSD wird 9

Posted by Jesco Freund at Jan. 14, 2012 12:22 p.m.

Nach mehreren Monaten Beta- und RC-Testing ist es jetzt soweit: FreeBSD 9 ist offiziell da. Eigene Erfahrungen auf Produktivsystemen kann ich derzeit nicht bieten, da ich auf diesen die erste Version eines neuen Major-Zweiges grundsätzlich überspringe, aber unter VirtualBox funktioniert es ganz brauchbar.

Ein Blick in die Release Notes offenbart die wichtigsten Neuerungen:

  • Capsicum wurde (wie bereits angedeutet) Bestandteil des Basis-Systems
  • Clang und LLVM ersetzen (weitgehend) gcc als System-Compiler
  • ZFS wurde von Version 15 auf Version 28 angehoben (zpool), wodurch jetzt auch raidz3 Pools möglich sind
  • Die bisherige ATA-Implementierung wurde durch das CAM-Framework ersetzt, was auch eine Änderung der Device-Namen für Festplatten, CD-Laufwerke etc. nach sich zieht
  • bsdinstall ersetzt das in die Jahre gekommene sysinstall.

Das sind (zumindest aus meiner Sicht) erst mal die wichtigsten Neuerung, von denen einige leider nicht in den Release Notes dokumentiert sind – insbesondere die Anbindung von ATA-Devices via CAM kann zu bösen Überraschungen führen, wenn z. B. in der fstab noch auf alte Gerätenamen Bezug genommen wird.

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Piraten, BGE und die Diskussion darüber

Posted by Jesco Freund at Dec. 11, 2011 10:04 a.m.

Auf dem letzten Bundesparteitag haben die Piraten einen Antrag gebilligt, der die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens vorantreiben soll. Ich selbst bin entschiedener Gegner dieses Modells, und da es im Nachhinein zu einigen Diskussionen kam, fasse ich hier mal zusammen, was ich an Statements dazu an verschiedenen Stellen abgegeben habe – dann muss ich bei künftigen Flamewars nur noch den Link posten ;-)

Im Endeffekt sorgt der Antrag so wie er gestellt ist dafür, das auch jeder der gegen das BGE ist weiterhin die Piraten wählen kann,

Genau das halte ich unterm Strich für eine schlechte Position. Es befriedigt weder die Befürworter, noch wird es die Gegner besänftigen. So wie Du es formulierst, ist es eine klassische Nicht-Festlegung, wie sie die FDP kaum besser hätte hinbekommen können (à la „wir entlasten untere und mittlere Einkommen, falls es den finanziellen Spielraum dafür gibt“… :'().

da eine Stimme für die Piraten nicht eine Stimme für das BGE ist sondern nur eine Stimme für eine Volksabstimmung über ein BGE.

BGE-Gegner werden auch keine Volksabstimmung über das BGE haben wollen. Ich zweifle daher daran, dass dieses Kalkül aufgeht. Ich persönlich denke, den Piraten ist der aktuelle Erfolg etwas zu Kopfe gestiegen und man geriert sich nun wie die etablierten Parteien – ohne zu berücksichtigen, dass die aktuelle Zustimmung vermutlich zu großen Teilen noch Protest ist. Die Piraten waren eine wählbare Alternative, weil sie das System nicht bedienten und gleichzeitig aber auch nicht an dessen politischen Rändern agierten.

Zum anderen halte ich es für beschämend, dass solche Beschlüsse in dieser frühen Phase schon dem Aspekt der Wählbarkeit unterworfen werden – IMHO sollte sich die Partei erst ein Profil geben und dann prüfen, für wen sie damit wählbar ist. Parteien, die ihre Positionen nach Belieben den Umfragen hinterher drehen, haben wir schon genug.

Das BGE soll doch eigentlich, laut Antragstext, den Bürgern Freiheiten geben und nicht nehmen.

Das kommt auf die Begriffsdefinition „Freiheit“ an. Ich für meinen Teil orientiere mich gerne an den Freiheiten, die uns das Grundgesetz garantiert. Darunter fällt z. B. nicht die „Freiheit“, mir jeden Monat ein neues Handy kaufen zu können, oder die „Freiheit“, zu tun oder zu lassen was mir gefällt und trotzdem einen Anspruch auf Einkommen zu haben.

Es fällt aber darunter die Freiheit, über mein Handeln und damit auch über mein (z. B. soziales und geschäftliches) Leben selbst zu bestimmen, also z. B. die Freiheit, Verträge abschließen zu können, so lange diese keine Freiheiten Dritter einschränken. Diese Handlungsfreiheit und die daraus abgeleitete Vertragsfreiheit wird durch Art. 2 Abs. 1 GG garantiert.

Für die Einführung eines BGE müsste diese Handlungsfreiheit in einzelnen Punkten eingeschränkt werden – so funktionieren die bisher aufgestellten BGE-Modelle nur durch allgemein verordnete Selbstlosigkeit. Art. 2 GG schützt aber mein Recht, auch egoistisch zu handeln, wenn ich das mit meinem Gewissen (und der bestehenden Rechtslage) vereinbaren kann.

Sicherlich würde durch das BGE der Staat massiv in die Finanzen jedes Bürgers eingreifen, aber das tut er jetzt auch schon und ist meiner Meinung nach in einem Sozialstaat unabdingbar (z.b. Steuern).

Der Staat müsste nicht nur fiskalisch eingreifen (was er auch heute schon tut), sondern müsste darüber hinaus steuernd eingreifen, um sicherzustellen, dass alle gesellschaftlich notwendigen Produkte und Dienstleistungen weiterhin zur Verfügung stehen.

Und damit kommen wir zu den Kritikpunkten, die ich zum BGE äußere:

  1. Meiner Meinung nach haben die Piraten überstürzt gehandelt. Ich würde wetten, dass kaum einer, der sich beim BPT nicht enthalten, sondern mit Ja oder Nein gestimmt hat, wirklich alle Aspekte der Einführung eines BGE überblickt, noch einen Vergleich zu anderen Instrumenten inklusive Abwägung pro/contra aus dem Ärmel schütteln kann. Bevor also ein Beschluss pro oder contra BGE hätte gefasst werden dürfen, hätte eine (im Zweifelsfall mehrjährige) Überprüfungsphase stattfinden müssen. Anstelle eines neutralen Beschlusses ("die Piraten richten eine AG ein, die sich mit kurz-, mittel- und langfristigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen eines BGE befasst und in zwei Jahren eine Empfehlung vorbereitet"), haben wir jetzt einen einseitig vorbestimmten und nicht ergebnisoffenen Beschluss.
  2. War der erste Punkt noch mehr dem Verfahren gewidmet, richtet sich dieser dem Gegenstand der Kritik direkt: Die Finanzierung eines BGE ist völlig ungeklärt und war noch nie Gegenstand makroökonomischer Studien, die große, vernetzte Volkswirtschaften zum Betrachtungsgegenstand erhoben haben. Bis jetzt gab es nur Studien (und einige Feldversuche) in kleinen Regionen mit geringer globalwirtschaftlicher Vernetzung, die keine Aussagekraft für die Übertragung auf Deutschland besitzen. Grundsätzlich gibt es nur zwei Möglichkeiten: Geld drucken, oder bestehendes Geld umverteilen. Möglichkeit eins verbietet sich von selbst (dann hätte man zwar ein BGE, dieses besäße aber keine Kaufkraft, was wiederum Schwarzarbeit und Tauschhandel am Staat vorbei Vorschub leisten würde), und Punkt zwei bedingt, dass die zirkulierende Geldmenge außerhalb des BGE-Kreislaufs etwa 3-4 mal größer ist als der BGE-Kreislauf selbst. Das wiederum beschränkt das BGE auf eine Dimension, die der heutigen Sozialhilfe entsprechen dürfte oder sogar darunter läge.
  3. Das BGE ist laut Definition eine Transferleistung, „die bereits ohne weitere Einkommen oder bedingte Sozialhilfe existenzsichernd wäre“. Dabei bleibt unberücksichtigt, dass Gesellschaftliche Teilhabe (wie von den Piraten angestrebt) und Existenzsicherung (wie in der Definition beschrieben) in meinen Augen zwei unterschiedliche Dinge sind. Darüber hinaus ist es individuell unterschiedlich, mit welchen Geldbeträgen Existenzsicherung und Gesellschaftliche Teilhabe realisiert werden können. Ein junger, gesunder Mensch hat sicherlich einen anderen Finanzbedarf zur Existenzsicherung als eine Person, die chronisch krank ist und teure Medikamente benötigt, oder schwerbehindert ist und rund um die Uhr einen Betreuer benötigt. Für solche Menschen muss es aus meiner Sicht zwingend weiterhin bedingte Transferleistungen geben, womit allerdings das Konzept des BGE ein Stück weit ad absurdum geführt würde.
  4. Ich habe noch keine überzeugende Antwort auf die Frage erhalten, wie in einer Gesellschaft mit BGE gewährleistet ist, dass Produkte und Dienstleistungen die für den Fortbestand und die Weiterentwicklung der Gesellschaft relevant sind, weiterhin in ausreichendem Umfang zur Verfügung stehen. Plattes Beispiel: Angenommen, das Finanzierungsproblem sei auf wundersame Weise gelöst worden, und jeder bekommt nun unabhängig von seiner Lebensgestaltung ein BGE, das groß genug ist, um gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Damit geht dieses BGE deutlich über Sozialhilfeniveau hinaus, denn nur essen, trinken und wohnen ist für gesellschaftliche Teilhabe zu wenig. Das ist hier aber nicht der Punkt, die Frage ist doch vielmehr, wenn jeder davon leben könnte, den ganzen Tag im Internet zu surfen, im Hochseilgarten herumzuturnen oder sich als Filmschauspieler zu betätigen, wer räumt dann den Müll weg, reinigt die Kanalisation, pflegt alte und kranke Menschen, erntet Kartoffeln, steht morgens um 3 Uhr auf, um frisches Brot zu backen, etc. Mit anderen Worten: Was bewahrt uns davor, zu einer Gesellschaft von Beratern, Friseuren und Telefondesinfizierern zu mutieren?

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Bleifreie Schwalbe macht Bruchlandung

Posted by Jesco Freund at Nov. 7, 2011 12:22 p.m.

In Go: First Contact hatte ich mir einen schnelleren und vor allem zu echtem Multithreading fähigen Python-Interpreter gewünscht. Damals wurde ich auf Unladen Swallow aufmerksam gemacht, ein Projekt, das zu jener Zeit auch die Unterstützung Googles genoss. Doch offenbar hat man sich dort entschieden, sich eher auf Go zu konzentrieren – das Unladen Swallow Projekt wurde zur verwesenden Projektleiche.

Nicht unerheblich zum Scheitern dürften auch die hohen technischen Hürden beigetragen haben. So gelang es nicht, durch Einsatz eines JIT und eines Garbage Collectors sowie Verzicht auf den GIL ein besseres Laufzeitverhalten zu erreichen – im Gegenteil, viele Module liefen auf den Entwicklungsversionen des Unladen Swallow Codes langsamer. So verwundert es auch nicht, dass letztlich auch PEP 3146 auf der Halde toter PEPs beerdigt wurde.

Doch was bedeutet das Ende von Unladen Swallow? Für viele Python-Programme erst mal gar nichts. Der Standard-Interpreter (CPython) bietet für die meisten Einsatzzwecke ausreichende Geschwindigkeit. Die Python Standardbibliothek ist nach wie vor eine reiche und gute Sammlung nützlicher Programmbausteine. Auch parallele Programmierung ist mit Python nach wie vor möglich, nur ist man eben auf die Nutzung des multiprocessing-Moduls festgelegt, wenn tatsächlich parallele Ausführung von Programmteilen benötigt wird.

Für die Zukunft von Python bedeutet das aber, dass die Sprache einen Makel weiter mit sich herumschleppt: Es wird auf absehbare Zeit nicht möglich sein, Threads tatsächlich parallel auszuführen. Durch die steigende Verbreitung von SMP-Systemen ist das aber auf Dauer nicht akzeptabel, da es die Eignung von Python zu sehr einschränkt. In einigen Bereichen lässt sich das kompensieren (z. B. durch Ausweichen auf multiprocessing), in anderen aber nicht. So wünschenswert es aus meiner Sicht wäre, aber solange hier keine Lösung gefunden wird, ist Python für mich keine Allzweck-Waffe für den Programmier-Alltag.

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Abgehoben

Posted by Jesco Freund at Nov. 6, 2011 1:14 p.m.

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Ich habe großen Spaß am Fliegen – derzeit allerdings nur im Simulator. Betrachtet man die Evolution vom FS3 bis zum FSX, kann man eine deutliche Entwicklung sehen. Und damit meine ich nicht die offensichtliche technische Weiterentwicklung (Grafik, Landschaftsdarstellung, Cockpit), sondern auch die fortschreitende Annäherung an realistische Abläufe im „echten“ Flugverkehr. Nach und nach kamen bessere Flugmodelle, Funknavigation, ILS, GPS und eine rudimentäre ATC-Implementierung hinzu; in den späteren Versionen gab es sogar die Möglichkeit, IFR-Flugpläne zu erstellen und „abzufliegen“.

Trotz dieser Annäherung an die Realität geht der FSX viele Kompromisse ein – zugunsten größerer Einsteigerfreundlichkeit, und zu Lasten realistischer Abläufe und Verfahren. Außerdem fehlen im FSX gut nachgebildete größere Verkehrsflugzeuge mit interkontinentaler Reichweite. Die mitgelieferte Boeing 747 ist ein schlechter Witz und außerdem vom falschen Hersteller ;-). Daher habe ich meinem FSX das Airbus Evolution Vol. 2 Paket spendiert.

Bei meinen ersten Gehversuchen mit einer A330-200 (links mit dem GE CF6-80E Triebwerk, mitte und rechts mit dem RR Trent 700) konnte ich einen gewaltigen Sprung in Sachen Realismus feststellen. Allein schon die Tatsache, dass die neuen Airbus-Flugmodelle bei Start eines Fluges erst mal Dark & Cool auf der Parkposition stehen (also mit abgeschalteten Triebwerken, heruntergefahrener Avionik und abgeschalteter Elektrik), ist (für den FSX zumindest) ein großer Schritt. Das Cockpit ist wie erwartet recht realistisch umgesetzt, insbesondere das Overhead-Panel und die Mittelkonsole stimmen ziemlich gut mit dem Original überein (auch was Dark & Quiet und das Farbkonzept in der Schalterbeleuchtung angeht – beides war in der beim FSX mitgelieferten A321 nicht oder fehlerhaft umgesetzt).

Auch bei den Abläufen hat sich der Realitätsgrad deutlich erhöht – das zeigt sich schon darin, dass man ohne Checklisten und Handbuch nicht besonders weit kommt, wenn man mehr als nur eine Platzrunde fliegen möchte. Aber selbst für die muss man die Triebwerke anlassen, was (wie in der Realität eben auch) nicht ohne von der APU gelieferte Bleed Air funktioniert. Ich könnte jetzt noch tausende weitere Details aufzählen, in denen sich die Airbus Long Range Modelle (anders als die bei FSX mitgelieferten Modelle) sehr realistisch verhalten: So übersteuern etwa starke Impulse am Side Stick oder an den Pedalen den Autopilot und führen zu dessen Abschaltung (inklusive akustischer Warnung) – auch wenn man dafür weit weniger Kraft braucht als im Original :-) Besonders hervorzuheben ist die MCDU, die recht gut nachgebildet ist und (endlich) die (weitgehend) automatische Durchführung vorher geplanter Flüge erlaubt.

Einziger Wermutstropfen bisher: der Abgleich zwischen FSX- und MCDU Flight Plan. Der findet nämlich nicht oder nicht richtig statt. Schön wäre es, einen in der MCDU eingegebenen Flight Plan beim FSX ATC einreichen zu können, ohne die Wegpunkte manuell abschreiben zu müssen. Andererseits spiegelt natürlich auch dieser Punkt die Realität wieder: Welche Software man zum Planen eines Fluges auch einsetzt, am Ende muss man der Flugaufsicht einen Stapel Papierformulare in die Hand drücken; egal, was man in die MCDU eingetickert hat…

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Der Feind auf meinem Rechner

Posted by Jesco Freund at Oct. 26, 2011 2:02 p.m.

Es ist ja kein Geheimnis, dass zwischen Ubuntu Linux und mir eine herzliche Abneigung besteht. Aber auch ich werde älter, und FreeBSD ist mir dieses Jahr schon zweimal durch Totalversagen der Desktop-Umgebung (bedingt durch unbedachte oder nicht dokumentierte Änderungen an den Ports) auf den Wecker gegangen. Ein drittes Mal wollte ich nun nicht wieder alle 900 installierten Ports bauen, mit der Aussicht, das nach einem Upgrade auf 9.0 gleich nochmal tun zu dürfen.

Nun habe ich auf dem Notebook schon seit längerer Zeit Fedora im Einsatz und bin damit auch weitgehend zufrieden. Gerade im normalen Office- und Internet-Bereich schenken sich die Distributionen eh nichts, und der Fedora Installer macht es angenehm unkompliziert, das ganze OS auf ein verschlüsseltes LVM zu verbannen. Dennoch hat Fedora einige Schwächen, die mich jetzt dazu bewogen haben, für die Workstation auch andere Alternativen in Betracht zu ziehen. Wie in meiner Bilanz bereits beschrieben, schwächelt Fedora insbesondere als Entwicklungsplattform und „glänzt“ durch seine Verweigerungshaltung gegenüber Software, deren Lizenzen dem Fedora-Team nicht genehm sind.

Auf dem Notebook fällt das nicht so stark ins Gewicht; insbesondere die gute Einbindung von dm-crypt macht diese Macken wieder wett. Auf der Workstation hingegen sieht es anders aus: Plattenverschlüsselung macht wenig Sinn, und ständiges Hantieren mit 3rd Party Repositories oder gar die Umgehung des Paketmanagements sind auf Dauer keine Lösung.

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Eine Frage der Verhältnismäßigkeit

Posted by Jesco Freund at Oct. 26, 2011 10:35 a.m.

Gerade mal ein halbes Jahr ist es her, da trat ein gewisser Karl-Theodor zu Guttenberg von sämtlichen politischen Ämtern zurück. Sein Vergehen: (Mutmaßliche) Urheberrechtsverletzung (die Staatsanwaltschaft ermittelt noch). Dieser Rücktritt war die Kulmination einer 2monatigen öffentlichen Debatte, in der sowohl politische Weggefährten als auch der Freiherr selbst zunächst versuchten, die Anschuldigungen auszusitzen und nach Möglichkeit eben keine personellen Konsequenzen ziehen zu müssen.

Doch damit war kein Durchkommen. Opposition und Wissenschaftsverbände bliesen zur Jagd, und die deutsche Presse stieß fast einhellig ins selbe Horn. Da half auch die Glorifizierung durch einschlägige Medien nicht mehr viel, am Ende musste zu Guttenberg seinen Hut nehmen.

Heute gäbe es wieder allen Grund, sich bestimmte politische Gestalten in selber Manier vorzuknöpfen. Seit Wochen ist nun bekannt, dass in fast allen Bundesländern illegale Spionagesoftware eingesetzt wurde; in einem Bundesland bekamen die Ermittlungsbehörden die Illegalität ihres Vorgehens sogar gerichtlich bescheinigt:

Zwar ist der Beschluss des Amtsgerichts vom 02.04.2009 nicht rechtswidrig, wohl aber seine Umsetzung, soweit die grafischen Bildschirminhalte kopiert, also sog. Screenshots gefertigt wurden.

Doch seltsamerweise funktioniert bei Herrmann, Friedrich & Co. das, was beim (zumindest laut Umfragen) ungleich beliebteren Karl-Theodor zu Guttenberg nicht funktionierte: Aussitzen, Leugnen und hoffen, dass andere Weltereignisse von einem Skandal ablenken, der aus meiner Sicht noch eine andere Qualität besitzt als die Plagiatsaffäre. Immerhin wurde sich hier wissentlich über ein Urteil der höchsten Instanz deutscher Gerichtsbarkeit hinweggesetzt; damit liegt ein klarer Verstoß gegen die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit vor.

Mal drastisch ausgedrückt: Wenn sich Politiker der Exekutive und ihre Behördenapparate über Grundgesetz und Rechtsprechung auf diese Weise hinwegsetzen, was unterscheidet sie dann noch vom Sicherheitsapparat Ben Alis oder anderer ehemaliger Regierungen, die in den letzten Monaten unter Applaus auch unserer Regierung aus dem Amt gejagt wurden? Klar, dem lässt sich entgegenhalten, dass in deutschen Gefängnissen nicht gefoltert wird und die Sicherheitskräfte auch keine Heckenschützen einsetzen, um Demonstranten aus dem Hinterhalt niederzuschießen.

Dennoch wird hier ein Weg beschritten, den ich für äußerst gefährlich halte. Die Bagatellisierung verfassungswidrigen Verhaltens durch Regierungsmitglieder und Exekutivorgane ist ein erster Schritt auf dem Weg in den Unrechtsstaat. Dem muss konsequent und ohne wenn und aber Einhalt geboten werden. Die Politiker, die diesen Skandal zu verantworten haben, müssen von allen politischen Ämtern zurücktreten; das gilt auch für die Wegbereiter Schäuble und de Maizière. Gegen Beamte, die im Zuge der Trojaneraffäre rechtswidrig gehandelt haben oder (wie etwa im Falle Zierckes) entsprechende Signale an ihre Untergebenen gesendet haben, muss ein ausgangsoffenes Disziplinarverfahren eingeleitet werden; sollten dabei Verstöße aufgedeckt werden, die strafrechtliche Konsequenzen haben könnten, so müssen diese selbstverständlich durch ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft überprüft und ggf. zur Anklage gebracht werden.

Diese Forderungen sind in meinen Augen keinesfalls überzogen, sie stellen die konsequente Anwendung rechtsstaatlicher Prinzipien dar. Law & Order eben, nur dass es diesmal diejenigen trifft, die das sonst immer nur predigen und bei von ihnen weniger geschätzten Bevölkerungsgruppen angewendet sehen wollen. Was mir im übrigen besonders aufströßt, ist die Tatsache, dass die deutsche Medien- und Presselandschaft schon wieder zur Tagesordnung übergegangen ist. Fast schon symptomatisch und irgendwie nicht wirklich überraschend: Einen Urheberrechtsverletzer jagt man aus dem Amt, aber Verfassungsbruch – warum sollte sich da jemand echauffieren?

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Python IDE All Over Again

Posted by Jesco Freund at Oct. 4, 2011 6:36 p.m.

Ich weiß, zu dem Thema gibt es gefühlt mindestens tausend Blogposts – trotzdem möchte ich dazu ein paar Worte loswerden. Eine funktionierende und benutzbare Python-IDE zu bauen, scheint ungeheuer schwierig zu sein. Noch dazu eine, die unter FreeBSD ohne Einschränkungen funktioniert. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass es Stand heute genau eine IDE gibt, die meine Anforderungen erfüllt. Dabei lassen die sich an einer Hand abzählen:

  • Syntax-Highlighting und Code Completion für Python
  • Integrierte Unterstützung für Git
  • Lauffähig unter Linux, FreeBSD und Solaris

Es gibt zwar unzählige Editoren, die Syntax-Highlighting können – an Code Completion scheitern jedoch (fast) alle Kandidaten, insbesondere an projektinternen Verweisen und Bezeichnern. Aptana's PyDev hatte ich für einige Projekte eingesetzt – allerdings funktioniert Eclipse unter FreeBSD nur bedingt, und PyDev verheddert sich regelmäßig mit import-Anweisungen. Für Projekte, die ich zwingend unter FreeBSD entwickeln und testen muss, keine gute Voraussetzung – da funktioniert jeder normale Texteditor genauso gut oder schlecht.

NetBeans war auf einem richtig guten Weg (wenn man von den Farben für's Syntax-Highlighting mal absieht), und lief auf problemlos auf allen erforderlichen Plattformen. Nur leider hat Oracle der Python-Unterstützung den Garaus gemacht – seit Version 7 gibt es keine Python-Unterstützung mehr. Zwar soll Python für NetBeans angeblich als Community-Projekt weiterleben, bisher ist von funktionierendem Code allerdings nicht viel zu sehen.

Bleiben noch KDevelop und Anjuta, wenn man den Blick mal auf die Open Source Welt beschränkt. KDevelop hat (mittlerweile) eine gute Git-Unterstützung; an Python wird jedoch noch gearbeitet (siehe Playground). Anjuta kann zwar Python und Git (wobei auch hier Code Completion noch eine ziemliche Baustelle ist), versaut Python-Projekte aber mit seiner Autotools-Sucht (was haben die bitteschön bei einem Python-Projekt zu suchen?). Außerdem zerrt Anjuta unter FreeBSD die gesamten rottigen Gnome-Ports als Abhängigkeit hinter sich her – unschön, weil oft auf Wochen das System wieder nicht aktualisiert werden kann, wenn einer dieser Ports mal wieder eine Macke hat (einer der Gründe, warum ich unter FreeBSD wieder zu KDE zurück gewechselt bin).

Für den produktiven Einsatz muss man unter'm Strich wohl sagen, dass es keine wirklich geeignete Open Source IDE gibt, die für meine Zwecke einsetzbar wäre. Aber auch bei den kommerziellen Vertretern wird es dünn: Wing und Komodo laufen nur mit ach und krach unter FreeBSD (sind aber ansonsten gute IDEs); außerdem schrecken beide mit (zu) hohen Lizenzkosten (zumindest für jemanden wie mich, der mit seinem Code keine großen Umsätze macht).

Schlussendlich arbeite ich momentan mit JetBrains PyCharm. Die IDE ist in Java geschrieben und läuft ootb unter FreeBSD. Zur Zeit gibt's auf die Lizenzen 50% Rabatt, so dass die (ohnehin recht günstige) Lizenz für mich noch erschwinglicher wurde. Optisch ist die IDE zwar nicht so ansprechend, aber die „inneren Werte“ sind recht überzeugend: Git und sogar GitHub werden unterstützt, und die Code-Indizierung ermöglicht Code Completion vom feinsten. Allerdings ist die IDE ein bisschen lahm – die Bedienung fühlt sich zäh an (das habe ich bei anderen Java-GUI-Anwendungen auch schon besser gesehen), und der Speicherverbrauch ist enorm. Damit kann ich aber leben, zumal es leider derzeit keine attraktive Alternative gibt.

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