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Fedora: Bilanz nach einem Monat

Posted by Jesco Freund at July 31, 2011 8:14 p.m.

Seit etwa einem Monat arbeite ich jetzt mit Fedora auf dem Notebook – Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Vergleichen kann ich Fedora derzeit am besten mit Arch Linux und FreeBSD, die bei mir ebenfalls auf Desktop-Systemen in Betrieb sind.

Neben normalem Office-Kram (E-Mail, Textverarbeitung, Tabellenkalkulation) nutze ich das Notebook vor allem für diverse Internet-Aktivitäten und Software-Entwicklung. Nebenher muss das Gerät auch noch für Entertainment sorgen – sprich: Musik abspielen, und ab und zu mal ein Video zerpflücken.

Zunächst ein Wort zum Paketmanagement, bevor ich auf die einzelnen Teilbereiche eingehe: PackageKit habe ich mir ganz schnell abgewöhnt. Mag sein, dass ich durch portmaster und pacman zu lange verwöhnt wurde – ich empfinde es jedoch um Längen schmerzärmer, yum direkt auf der Kommandozeile zu nutzen.

Für den Office-Einsatz lässt sich Fedora problemlos nutzen. Was ich jedoch vermisst habe, ist ein Meta-Paket für LibreOffice. Stattdessen muss man jede Komponente einzeln installieren – per Shell zwar mit einem Einzeiler möglich, aber nicht wirklich durchdacht. An E-Mail Clients bietet Fedora die übliche Auswahl: neben dem vorinstallierten Evolution sind auch Thunderbird, Claws Mail und die beiden CLI-Mailclients Alpine und Mutt im Paket-Repository vorhanden.

Dünner sieht es da im Bereich Internet und Multimedia aus. Vor allem Chromium habe ich schmerzlich vermisst – dessen schlankes UI und vor allem seine Geschwindigkeit lassen Firefox einfach nur alt aussehen. Hier gibt es jedoch Abhilfe durch ein von Tom „spot“ Callaway gepflegtes Repository. Einen Flash Player für Linux in der x86_64 Variante sucht man derzeit vergebens (von Experimenten mit Adobe's Flash Player 11 beta mal abgesehen) – kein wirklicher Verlust, da YouTube auch eine HTML5-Variante anbietet, die mit Chromium i.d.R. reibungslos funktioniert – vorausgesetzt, die notwendigen Codecs sind auf dem System installiert.

An der Stelle muss ich jetzt einmal tief Luft holen; das berührt nun einen der Punkte, die mich an Fedora wirklich nerven: Viele quelloffene Bibliotheken und Programme sind nicht im Paket-Repository enthalten, weil sie dem Fedora-eigenen Reinheitsgebot nicht entsprechen. Darunter auch so lebenswichtige Helferlein wie FFmpeg, MPlayer oder H.264 und AAC-Codecs. Hier sorgen nur die RPM Fusion Repositories für Abhilfe. In diesem Punkt entzieht sich die Policy von Fedora wirklich meinem Verständnis; ich halte nichts von missionarischen Ansätzen – ich brauche Software, die bestimmte Aufgaben erfüllt, und keine Bevormundung durch eine Distribution, welche Software ich aus höheren moralischen Erwägungen heraus nicht einsetzen sollte.

Wo gerade von RPM Fusion die Rede ist: Ich habe auch versuchsweise die offiziellen (closed source) Nvidia-Treiber ausprobiert. Da ich keine 3D-lastigen Anwendungen habe, konnte ich keinen Leistungsunterschied zum Noveau-Treiber feststellen. Für den Notebook-Einsatz empfinde ich den Nouveau-Treiber sogar als angenehmer, da er externe Displays automatisch erkennt und als Zweitdisplay konfiguriert, wozu beim Nvidia-Treiber jedesmal das Konfigurations-Utility bemüht werden muss (in die Xorg.conf eintragen ist für mich keine Alternative, da es sich um unterschiedliche externe Displays handelt). Ob der Wechsel auf den Nvidia-Treiber wirklich lohnt, sollte man sich wirklich gründlich überlegen – meiner Meinung nach ist das nur dann der Fall, wenn wirklich leistungsintensive 3D-Anwendungen genutzt werden.

Doch nun zur letzten Disziplin: Software-Entwicklung. Neben C und Python arbeite ich auch mit Haskell, Java und Perl. C ist natürlich kein Problem, auch Perl- und Python-Interpreter bietet eigentlich jede halbwegs nennenswerte Linuxdistribution. Java und Linux ist ein Kapitel für sich – dank OpenJDK gibt es jedoch ein gut funktionierendes JDK im Repository. Überrascht war ich von der guten Haskell-Unterstützung: Die Haskell Platform ist in einer fast aktuellen Version im Paketrepository vorhanden. Vermisst habe ich hingegen Go – gccgo ist zwar vorhanden, nicht aber die sonst von Go gewohnte Toolchain.

Für die Webentwicklung sind einige weiter verbreitete Frameworks im Repository: Für Perl gibt es Catalyst und Mojolicious, für Python Django, TurboGears (Version 1 und 2), Pylons sowie CherryPy, und für Ruby ist natürlich Rails mit an Bord. Für Python-Programmier ist bpython ein nützliches Helferlein – bei Fedora wird es ebenfalls mitgeliefert. Meist bastele ich mit CherryPy und Genshi oder eben Mojolicious herum, dafür ist Fedora recht komfortabel ausgestattet. Happstack fehlt noch, soll aber mit einem der nächsten Releases kommen.

Weniger komfortabel wird es, wenn man sich der Entwicklung von Java-Anwendungen zuwenden möchte. Moderne Frameworks wie Spring MVC sucht man vergeblich in den Paketen. Besonders makaber: Eclipse ist zwar mit an Bord, und das auch mit jeder Menge Plugins, jedoch fehlt die Eclipse Web Tools Platform. Wer also unter Fedora ernsthaft mit Java arbeiten möchte, dem bleibt nichts anderes übrig, als auf NetBeans auszuweichen – oder sich seine eigene Eclipse-Version im Home-Verzeichnis zu installieren.

A propos IDEs: für Eclipse werden EPIC und PyDev mitgeliefert; PyDev allerdings leider in der mittlerweile veralteten Version 1.6 (aktuell ist 2.2). Ebenfalls mit dabei ist CDT in Version 7 – nett, wenn man ein Fan der Autotools ist (ich bevorzuge CMake und daher KDevelop 4, was aber ebenfalls mit an Bord ist). Außerdem können Perl-Coder auf Padre zurückgreifen (auch wenn ich selbiges aufgrund der fehlenden Unterstützung für SCM und Projekte nicht als richtige IDE gelten lassen würde). Lediglich für Haskell ist derzeit keine IDE verfügbar, ein Leksah-Paket ist aber in Planung.

Insgesamt würde ich sagen, Fedora ist für mich im Alltagseinsatz ganz brauchbar, allerdings nur unter Einsatz der RPM Fusion Repositories. Eclipse installiert man besser nicht aus den Paketen – besser lädt man sich von www.eclipse.org Eclipse Classic herunter und installiert selbiges im eigenen Home-Verzeichnis. Alles andere funktioniert bislang wie gewünscht – alles in allem ist Fedora also keine schlechte Wahl.

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